Muskelaufbau bei Frauen: Was wirklich anders ist – und was nur ein Mythos ist

Bauen Frauen anders Muskeln auf als Männer? Dieser Artikel zeigt dir, was die Studienlage zu Geschlechtsunterschieden im Krafttraining wirklich sagt, warum Frauen relativ genauso effektiv aufbauen, woher die hartnäckigsten Mythen kommen – und an welchen wenigen Stellen ein durchdachter Plan für Frauen tatsächlich anders aussehen sollte.

Kaum ein Bereich im Training ist so voll mit widersprüchlichen Ratschlägen wie das Thema Muskelaufbau bei Frauen. Auf der einen Seite die Angst, vom Krafttraining „zu muskulös" zu werden. Auf der anderen Seite das Versprechen, mit leichten Gewichten und vielen Wiederholungen einen „langen, schlanken, getonten" Körper zu formen. Dazu kommen Apps, die das Training nach dem Menstruationszyklus takten wollen, und ein Dauerstrom an Empfehlungen, die suggerieren, Frauen bräuchten ein komplett eigenes Regelwerk.

Das Ergebnis ist Verunsicherung. Viele Frauen trainieren entweder zu vorsichtig, weil sie eine Veränderung fürchten, die biologisch kaum eintreten kann – oder sie folgen einem „Frauenprogramm", das ihnen genau das vorenthält, was Muskelaufbau überhaupt erst erzeugt. Beides kostet Fortschritt.

Die gute Nachricht ist: Die Wissenschaft ist hier erstaunlich klar. Die Grundprinzipien des Muskelaufbaus gelten für Frauen und Männer gleichermaßen. Es gibt einige reale Unterschiede – aber sie sind kleiner, anders und praktisch relevanter, als der typische „Frauen-Fitness"-Content vermuten lässt. In diesem Artikel schauen wir uns an, was tatsächlich anders ist, was reiner Mythos ist und wie ein sinnvoller Plan für Frauen wirklich aussieht.

Der wichtigste Satz zuerst: Frauen bauen relativ genauso gut Muskeln auf wie Männer

Wenn du nur eine Sache aus diesem Artikel mitnimmst, dann diese: Relativ zum eigenen Körper bauen Frauen Muskulatur in einem ähnlichen Tempo auf wie Männer. Das ist keine motivierende Floskel, sondern das, worauf die aktuelle Datenlage ziemlich eindeutig hinausläuft.

Eine vielzitierte Meta-Analyse von Roberts, Nuckols und Krieger (2020) verglich die Trainingsanpassungen von Männern und Frauen direkt und fand keine bedeutsamen Geschlechtsunterschiede in der prozentualen Zunahme an Muskelmasse. Frauen und Männer reagierten auf dasselbe Krafttraining mit vergleichbarem relativem Muskelwachstum.

Eine neuere und methodisch sehr saubere Bayesianische Meta-Analyse von Refalo und Kollegen (2024) hat diese Frage noch genauer aufgeschlüsselt, indem sie zwischen absoluten und relativen Veränderungen unterschied. Das Ergebnis: Die absolute Zunahme an Muskelgröße fiel bei Männern leicht höher aus, die relative Zunahme war zwischen den Geschlechtern aber praktisch gleich. Mit anderen Worten: Ein Mann baut in Zentimetern oder Gramm gemessen oft etwas mehr auf – aber gemessen am eigenen Ausgangswert legen Frauen prozentual genauso gut zu.

Das ist ein fundamentaler Unterschied in der Interpretation. „Frauen bauen weniger Muskeln auf" klingt nach einem Nachteil im Aufbaupotenzial. Korrekt ist aber: Frauen starten von einer kleineren absoluten Muskelmasse und legen davon ähnlich viel Prozent zu. Das Aufbaupotenzial pro Kilo Körper ist vergleichbar – die absoluten Zahlen unterscheiden sich vor allem wegen der unterschiedlichen Ausgangslage.

Warum die absoluten Zahlen trotzdem niedriger ausfallen

Wenn das relative Potenzial so ähnlich ist – warum sehen Männer im Schnitt dann muskulöser aus und legen absolut mehr zu? Dafür gibt es ein paar klare biologische Gründe, und keiner davon bedeutet, dass weiblicher Muskelaufbau „schlechter" funktioniert.

Der wichtigste Faktor ist Testosteron. Erwachsene Männer haben nach der Pubertät im Schnitt etwa das Zehnfache an körpereigenem Testosteron im Vergleich zu Frauen. Dieser Unterschied erklärt zu einem großen Teil, warum Männer mehr durchschnittliche Muskelmasse tragen. Es ist aber wichtig zu verstehen, was das nicht heißt: Es heißt nicht, dass Frauen ohne dieses Testosteron kaum aufbauen könnten. Frauen bauen sehr wohl effektiv Muskulatur auf – nur eben auf einem niedrigeren absoluten Niveau.

Dazu kommt die Ausgangs-Muskelmasse und der Körperbau. Bei untrainierten wie bei trainierten Personen liegt der Querschnitt des Bizeps bei Frauen etwa bei 50 bis 60 Prozent und der des Quadrizeps bei rund 70 bis 80 Prozent des entsprechenden Männerwerts. Ein kleinerer Rahmen trägt schlicht proportional weniger Muskelmasse – das ist Geometrie, keine Frage der Trainingsqualität.

Ein dritter Punkt ist die Muskelfaserverteilung. Männer haben tendenziell einen etwas höheren Anteil an Typ-II-Fasern, die ein größeres Wachstumspotenzial haben. Interessanterweise zeigt die Forschung von Refalo et al. hier ein differenziertes Bild: Die Typ-I-Faser-Hypertrophie fiel bei Männern leicht höher aus, während die Typ-II-Faser-Hypertrophie zwischen den Geschlechtern vergleichbar war.

Die praktische Übersetzung all dessen: Die absoluten Unterschiede sind real, aber sie sind die Folge von Hormonen und Körperbau – nicht von einem grundsätzlich anderen Aufbaumechanismus. Frauen brauchen deshalb keine andere Trainingslogik. Sie brauchen dieselbe Logik, angewendet auf einen anderen Ausgangskörper.

Der hartnäckigste Mythos: „Vom Krafttraining werde ich zu muskulös"

Das ist vermutlich die folgenreichste Fehlannahme im Frauentraining – und sie ist der Grund, warum unzählige Frauen jahrelang mit zu leichten Gewichten trainieren. Die Vorstellung dahinter: Wer schwer trainiert, wird quasi versehentlich „bullig", breit oder maskulin.

Diese Sorge steht im direkten Widerspruch zur Biologie, die wir gerade besprochen haben. Genau die Faktoren, die bei Männern für absolut mehr Muskelmasse sorgen – allen voran das rund zehnfach höhere Testosteron – fehlen bei Frauen schlicht in dieser Größenordnung. Der dramatische, sehr muskulöse Look entsteht nicht aus Versehen. Er ist bei den Frauen, die ihn haben, das Ergebnis von vielen Jahren sehr gezielten, harten Trainings, sehr günstiger Genetik – und in einem Teil der Fälle, die in den sozialen Medien kursieren, pharmakologischer Unterstützung.

Für die normale Frau, die mit ernsthaftem Krafttraining beginnt, ist das realistische Ergebnis ein anderes: mehr Kraft, eine festere und definiertere Muskulatur, oft eine bessere Körperhaltung und ein Körper, der genau das aussieht, was viele eigentlich anstreben, wenn sie „getont" sagen. Niemand wacht nach ein paar Monaten Kniebeugen versehentlich als Bodybuilderin auf. Sichtbarer Muskelaufbau ist, wie wir an anderer Stelle ausführlich beschrieben haben, ein langsamer Prozess über Monate und Jahre – kein Risiko, das man aus Versehen überschießt.

Die ehrliche Wahrheit ist fast das Gegenteil des Mythos: Das Problem der meisten Frauen ist nicht, dass sie zu viel Muskeln aufbauen. Es ist, dass sie aus Angst vor einem unrealistischen Szenario zu vorsichtig trainieren und dadurch zu wenig Reiz für den Körper setzen, den sie sich eigentlich wünschen.

Der „Toning"-Mythos: Es gibt kein Straffen ohne Muskelaufbau

Eng mit der Bulky-Angst verknüpft ist die Idee, es gäbe zwei verschiedene Trainingsarten: eine, die „Masse" aufbaut, und eine andere, die „strafft", „formt" oder „toned". Das ist eine der erfolgreichsten Marketing-Erzählungen der Fitnessbranche – und sie ist physiologisch nicht haltbar.

Was Menschen meinen, wenn sie „getont" sagen, ist in Wahrheit eine Kombination aus zwei Dingen: etwas mehr Muskulatur und etwas weniger Körperfett darüber. Ein „getonter" Arm ist ein Arm mit sichtbarer, fester Muskulatur und wenig Fettschicht. Es gibt keinen dritten, separaten Zustand, in dem Muskeln „lang und straff statt groß" werden. Muskeln können wachsen oder schrumpfen – sie können nicht ihre grundsätzliche Form von „bullig" auf „schlank-definiert" umschalten.

Das bedeutet praktisch: Der Weg zum „getonten" Look führt über genau dieselben Werkzeuge wie der zum Muskelaufbau – nämlich Krafttraining, das die Muskulatur tatsächlich fordert – kombiniert mit einer Körperfettregulierung über die Ernährung. Es gibt keinen speziellen „Toning"-Trainingsmodus mit drei Kilo Hanteln und dreißig Wiederholungen, der etwas grundlegend anderes bewirkt. Wer „straffen" will, muss Muskeln aufbauen und gegebenenfalls Fett reduzieren. Das ist dieselbe Sache unter einem freundlicheren Namen.

Leichte Gewichte, viele Wiederholungen? Der Last-Mythos

Aus dem Toning-Mythos folgt direkt der nächste: die Idee, dass Frauen mit sehr leichten Gewichten und sehr hohen Wiederholungszahlen trainieren sollten. Diese Empfehlung ist aus zwei Gründen problematisch.

Erstens: Hypertrophie funktioniert über ein breites Spektrum an Lasten – grob von etwa 5 bis 30 Wiederholungen pro Satz. Entscheidend ist nicht die exakte Wiederholungszahl, sondern dass die Sätze nah genug an eine ernsthafte Anstrengung herangeführt werden. Ein Satz mit 15 Wiederholungen kann Muskeln genauso gut aufbauen wie ein Satz mit 8 – aber nur, wenn er wirklich fordernd ist, also nah genug ans Muskelversagen reicht.

Und genau hier liegt das eigentliche Problem mit dem „leichte Gewichte, viele Wiederholungen"-Ansatz: In der Praxis führt er fast immer dazu, dass die Sätze zu weit weg von echter Anstrengung enden. Drei Kilo für zwanzig lockere Wiederholungen erzeugen kaum einen Aufbaureiz, nicht weil die Last per se zu leicht wäre, sondern weil der Satz weit vor einer relevanten Ermüdung abgebrochen wird. Der Muskel bekommt schlicht kein Signal, dass er sich anpassen müsste.

Frauen müssen also nicht „wie Männer" trainieren, aber sie profitieren von genau demselben Prinzip: Die Sätze müssen hart sein. Ob das mit etwas mehr Gewicht und weniger Wiederholungen oder mit etwas weniger Gewicht und mehr Wiederholungen passiert, ist zweitrangig – solange die Anstrengung stimmt. Wer aus Vorsicht dauerhaft im sehr leichten, komfortablen Bereich bleibt, trainiert nicht „frauengerecht", sondern einfach unter dem eigenen Potenzial.

Sollten Frauen nach dem Zyklus trainieren? Was die Evidenz sagt

In den letzten Jahren ist das „Cycle Syncing" populär geworden – die Idee, das Training systematisch nach den Phasen des Menstruationszyklus auszurichten, etwa in der Follikelphase intensiver und in der Lutealphase lockerer zu trainieren. Apps und Social-Media-Content verkaufen das als wissenschaftlichen Optimierungshebel. Die tatsächliche Datenlage ist deutlich zurückhaltender.

Eine umfassende Umbrella Review von Colenso-Semple und Kollegen (2023), die die vorhandenen systematischen Reviews und Meta-Analysen auswertete, kommt zu einem klaren Schluss: Die aktuelle Evidenz zeigt keinen verlässlichen Einfluss der Zyklusphase auf die akute Kraftleistung oder auf die langfristigen Anpassungen an Krafttraining. Eine ebenfalls große Meta-Analyse von McNulty und Kollegen (2020) fand allenfalls einen trivial kleinen und sehr uneinheitlichen Effekt der Zyklusphase auf die Leistung.

Ein zentrales Problem ist die Qualität der zugrundeliegenden Studien. Reviews zu diesem Thema betonen regelmäßig, dass die meisten Untersuchungen methodisch schwach sind – etwa weil die Zyklusphase nicht zuverlässig per Hormonmessung bestimmt wurde. Auf einer so wackeligen Datenbasis ist es schlicht verfrüht, ein starres zyklusbasiertes Trainingsschema als überlegen zu empfehlen.

Das heißt nicht, dass der Zyklus irrelevant ist. Zyklusbedingte Symptome – Schmerzen, Müdigkeit, Schlafprobleme – können die Trainingsleistung individuell sehr wohl beeinflussen. Aber das ist ein Argument für Autoregulation, nicht für ein fixes Phasenschema. Sinnvoller, als nach Kalender vorzuschreiben, wann du hart und wann du locker trainierst, ist es, auf Tagesform, Energie und Symptome zu achten und das Training entsprechend anzupassen – so, wie man es ohnehin bei Schlafmangel oder hohem Stress tun würde. Der Zyklus ist einer von mehreren Einflussfaktoren, nicht der Taktgeber, nach dem das ganze Programm gebaut werden müsste.

Wo es echte Unterschiede gibt: Ermüdungsresistenz und Erholung

Bisher ging es vor allem darum, Mythen zu entkräften. Es gibt aber auch reale, gut belegte Geschlechtsunterschiede – sie sind nur subtiler und praktischer als das, was meist erzählt wird. Einer der interessantesten betrifft die Ermüdungsresistenz.

Mehrere Untersuchungen, unter anderem die Arbeiten von Hunter (2014) zu Geschlechtsunterschieden in der Muskelermüdung, zeigen, dass Frauen bei vergleichbarer relativer Belastung tendenziell ermüdungsresistenter sind als Männer – besonders ausgeprägt bei isometrischen und submaximalen Kontraktionen. Vereinfacht gesagt: Bei gleicher prozentualer Last können Frauen oft mehr Wiederholungen leisten und erholen sich zwischen den Sätzen häufig etwas schneller.

Daraus lassen sich ein paar plausible praktische Konsequenzen ableiten. Frauen kommen mit höheren Wiederholungsbereichen und etwas kürzeren Satzpausen häufig sehr gut zurecht und können tendenziell ein höheres Trainingsvolumen gut verarbeiten. Das ist kein Freifahrtschein, beliebig viel zu trainieren – die Grenzen von Erholung und produktivem Volumen gelten weiterhin – aber es bedeutet, dass viele Frauen mehr aushalten und produktiv nutzen können, als sie sich selbst zutrauen.

Wichtig ist die Einordnung: Diese Unterschiede sind real, aber sie sind Feinjustierungen innerhalb desselben Systems – nicht der Beweis für ein komplett anderes Trainingsmodell. Sie ändern nichts an den Grundprinzipien, sie verschieben nur die optimalen Stellschrauben ein Stück weit.

Ober- versus Unterkörper: Wo Frauen oft anders ansetzen sollten

Ein weiterer realer Unterschied liegt in der Verteilung der Muskulatur. Frauen tragen relativ zum Mann oft proportional weniger Muskelmasse im Oberkörper, während die Differenz im Unterkörper kleiner ausfällt – die genannten Querschnittswerte (Bizeps ~50–60 %, Quadrizeps ~70–80 % der Männerwerte) spiegeln das wider.

Das hat zwei praktische Implikationen. Erstens: Der Oberkörper ist für viele Frauen der Bereich mit dem größten ungenutzten Potenzial. Gerade hier zeigt die Forschung, dass Frauen relativ betrachtet teils sogar besonders gut auf Training ansprechen – einige Studien deuten auf vergleichbare oder sogar größere relative Kraftzuwächse im Oberkörper hin. Wer als Frau gezielt an Schultern, Rücken, Brust und Armen arbeitet, kann hier oft deutliche und sichtbare Fortschritte machen.

Zweitens: Im klassischen „Frauenprogramm" wird der Oberkörper häufig vernachlässigt – der Fokus liegt überproportional auf Beinen und Gesäß. Das ist nicht falsch, wenn das dem persönlichen Zielbild entspricht. Aber wer einen ausgewogenen, athletischen Körper anstrebt, sollte den Oberkörper nicht stiefmütterlich behandeln. Ein paar Sätze Bizeps-Curls und seitliche Schulter mehr pro Woche verändern hier oft mehr, als man erwartet – genau weil die Ausgangsbasis niedriger ist und der Reiz dadurch viel bewirkt.

Protein und Ernährung: Gibt es spezielle „Frauen-Regeln"?

Die kurze Antwort: Nein, jedenfalls nicht in der Art, wie es oft verkauft wird. Die grundlegenden Ernährungsprinzipien für Muskelaufbau gelten für Frauen genauso wie für Männer.

Beim Protein orientiert man sich sinnvollerweise an denselben relativen Werten: Die Meta-Analyse von Morton und Kollegen (2018) und die Positionen der International Society of Sports Nutrition legen für trainierende Personen einen Bereich von grob 1,6 bis 2,2 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht pro Tag nahe. Da sich das auf das Körpergewicht bezieht, ergibt sich für Frauen mit im Schnitt geringerem Körpergewicht automatisch eine niedrigere absolute Menge – aber die Regel selbst ist identisch.

Der häufigere Fehler im Frauentraining ist nicht zu wenig Wissen über die optimale Proteinmenge, sondern dass die tatsächliche Zufuhr systematisch zu niedrig ausfällt. Viele Frauen liegen deutlich unter dem sinnvollen Bereich – teils aus Gewohnheit, teils aus der bereits besprochenen Angst, durch „zu viel Essen" unförmig zu werden. Genau diese Unterversorgung bremst den Aufbau dann real aus.

Verwandt damit ist die Frage der Energieverfügbarkeit. Muskelaufbau braucht ausreichend Energie. Eine dauerhaft zu niedrige Kalorienzufuhr – oft die Folge von gleichzeitigem Abnehmwunsch und Aufbauanspruch – untergräbt nicht nur den Muskelaufbau, sondern kann bei Frauen auch hormonelle und gesundheitliche Folgen haben (Stichwort relative Energieverfügbarkeit im Sport). Wer ernsthaft Muskeln aufbauen will, muss den Körper ausreichend versorgen. „Möglichst wenig essen und trotzdem aufbauen" ist keine Strategie, sondern ein Widerspruch.

Menopause: Wenn sich die Regeln tatsächlich ein bisschen ändern

Es gibt eine Lebensphase, in der die Aussage „Frauen brauchen keine andere Trainingslogik" eine wichtige Ergänzung bekommt: die Perimenopause und Menopause. Hier verändern sich die hormonellen Rahmenbedingungen so deutlich, dass Krafttraining nicht nur weiter sinnvoll, sondern noch wichtiger wird.

Rund um die Menopause sinkt der Östrogenspiegel stark – und das hat Konsequenzen für Muskulatur und Knochen. Die Forschung zeigt einen beschleunigten Verlust an Muskelmasse und Kraft in dieser Phase, der bei gleichaltrigen Männern so nicht auftritt. Hinzu kommt eine teilweise abgeschwächte anabole Reaktion: Studien wie die von Dam und Kollegen (2021) deuten darauf hin, dass die Muskelantwort auf Krafttraining bei postmenopausalen Frauen reduziert sein kann und sich durch Östrogen modulieren lässt.

Parallel beschleunigt der Östrogenabfall den Knochenabbau. In den Jahren nach der Menopause verliert der Körper jährlich grob 1,5 bis 2,5 Prozent an Knochenmasse, was das Osteoporose- und Frakturrisiko erhöht. Genau hier ist Krafttraining besonders wertvoll: Mechanische Belastung durch ausreichend schwere Lasten stimuliert den Knochenstoffwechsel und gehört zu den wirksamsten nicht-medikamentösen Maßnahmen gegen den Verlust von Knochendichte. Sehr leichtes Training reicht dafür nicht – es braucht spürbare Last.

Die praktische Konsequenz: In und nach der Menopause spricht vieles dafür, eher konsequenter und mit ausreichend Intensität zu trainieren statt vorsichtiger zu werden. Tendenziell etwas mehr Protein, ausreichend schwere Belastungen für Muskeln und Knochen, und kein Rückzug auf „schonendes" Minitraining. Wer in dieser Phase ernsthaft Kraft trainiert, wirkt gleich mehreren Effekten des Hormonwandels gleichzeitig entgegen – Muskelschwund, Kraftverlust und Knochenabbau.

Was Frauen wirklich brauchen – und was nicht

Wenn man die Mythen aussortiert, bleibt ein erstaunlich klares Bild übrig. Frauen brauchen kein eigenes Trainingsuniversum. Sie brauchen dieselben bewährten Prinzipien wie alle anderen: progressives Krafttraining mit ausreichendem Volumen pro Muskelgruppe, Sätze, die nah genug an echte Anstrengung herankommen, genügend Protein und Energie, ausreichend Schlaf und Erholung – und vor allem Zeit und Konsequenz.

Was sich unterscheidet, sind ein paar Feinheiten in der Anwendung. Frauen sollten sich von der Bulky-Angst nicht zu zaghaftem Training verleiten lassen. Sie können oft etwas höhere Volumina und Wiederholungsbereiche gut nutzen. Sie profitieren häufig besonders von gezielter Oberkörperarbeit. Sie sollten Protein und Energie nicht zu knapp halten. Und sie sollten den Zyklus als individuellen Einflussfaktor ernst nehmen, ohne ihr ganzes Programm starr danach zu bauen. In und nach der Menopause verschiebt sich die Priorität noch klarer in Richtung konsequentes, ausreichend forderndes Training.

Das ist die ganze Geschichte – unspektakulärer, aber sehr viel nützlicher als die ewige Erzählung vom geheimnisvollen „Frauenkörper", der nach völlig eigenen Regeln funktioniere.

Fazit

Muskelaufbau bei Frauen unterscheidet sich weit weniger vom Muskelaufbau bei Männern, als populärer Fitness-Content suggeriert. Relativ zum eigenen Körper bauen Frauen ähnlich effektiv auf; die niedrigeren absoluten Zahlen sind die Folge von Hormonen und Körperbau, nicht von einem schlechteren Aufbaumechanismus. Die größten Hürden sind selten biologisch – sie sind Mythen: die Angst vor dem „Zu-muskulös-Werden", die Illusion eines separaten „Toning"-Modus und die Vorstellung, leichte Gewichte und der Menstruationszyklus müssten das Training bestimmen.

Was Frauen wirklich brauchen, ist kein Sonderweg, sondern dieselbe solide Basis – mit ein paar sinnvollen Anpassungen: hart genug trainieren, den Oberkörper nicht vernachlässigen, ausreichend essen, das individuelle Befinden einbeziehen und in der Menopause eher konsequenter werden. Wer aufhört, einem ausgedachten Frauen-Regelwerk hinterherzulaufen, und stattdessen die echten Prinzipien anwendet, kommt deutlich weiter – und meistens auch deutlich näher an genau den Körper, den die Mythen fälschlich versprechen.

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Quellen

  • Roberts BM, Nuckols G, Krieger JW. Sex Differences in Resistance Training: A Systematic Review and Meta-Analysis. J Strength Cond Res. 2020;34(5):1448–1460.

  • Refalo MC, Nuckols G, Galpin AJ, et al. Biological Sex Differences in Absolute and Relative Changes in Muscle Size Following Resistance Training in Healthy Adults: A Systematic Review with Bayesian Meta-Analysis. PeerJ. 2025.

  • Colenso-Semple LM, D'Souza AC, Elliott-Sale KJ, Phillips SM. Current evidence shows no influence of women's menstrual cycle phase on acute strength performance or adaptations to resistance exercise training. Front Sports Act Living. 2023;5:1054542.

  • McNulty KL, Elliott-Sale KJ, Dolan E, et al. The Effects of Menstrual Cycle Phase on Exercise Performance in Eumenorrheic Women: A Systematic Review and Meta-Analysis. Sports Med. 2020;50(10):1813–1827.

  • Hunter SK. Sex differences in human fatigability: mechanisms and insight to physiological responses. Acta Physiol. 2014;210(4):768–789.

  • Dam TV, Dalgaard LB, Ringgaard S, et al. Transdermal Estrogen Therapy Improves Gains in Skeletal Muscle Mass After 12 Weeks of Resistance Training in Early Postmenopausal Women. Front Physiol. 2021;11:596130.

  • Morton RW, Murphy KT, McKellar SR, et al. A systematic review, meta-analysis and meta-regression of the effect of protein supplementation on resistance training–induced gains in muscle mass and strength. Br J Sports Med. 2018;52(6):376–384.

  • Jäger R, Kerksick CM, Campbell BI, et al. International Society of Sports Nutrition Position Stand: protein and exercise. J Int Soc Sports Nutr. 2017;14:20.

  • Schoenfeld BJ, Grgic J, Van Every DW, Plotkin DL. Loading Recommendations for Muscle Strength, Hypertrophy, and Local Endurance: A Re-Examination of the Repetition Continuum. Sports. 2021;9(2):32.

  • Refalo MC, Helms ER, Trexler ET, et al. Influence of Resistance Training Proximity-to-Failure on Muscle Hypertrophy: A Systematic Review with Meta-analysis. Sports Med. 2023;53(3):649–665.

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